Was ist das Problem mit Bologna?
Comments: 2 - Date: November 12th, 2009 - Categories: Gedanken, Scholastics
Momentan in und in den Medien: Studentenproteste und ähnliches. Es ist von Kreditpunkten, Präsenzkontrollen, Verschulung, ECTS, etc. die Rede. Mein Gefühl dabei ist, dass eigentlich gar niemand so wirklich eine Ahnung hat, worum es geht. Von Bologna-Reform ist die Rede, davon dass diese schlecht sei, aber was genau beinhaltet diese Bologna-Reform? Ist wirklich die Bologna-Reform das Problem oder wird sie als Vorwand gebraucht, um auf generelle Missstände im Bildungsbereich hinzuweisen? Deshalb hier ein Blick auf Bologna.
Die Umsetzung der Bologna-Reform obliegt der CRUS, der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten. Den rechtlichen Rahmen dafür bilden die Bolgna-Richtlinien der SUK, der Schweizerischen Universitätskonferenz (Quelle). Die Richtline umfasst eine Präambel und sieben Artikel. Nachfolgend eine kurze Analyse der Artikel, zwecks Untersuchung, wo das Problem liegen könnte.
- Art. 1 Gestufte Studiengänge Besagt nichts weiter, als dass der Studiengang aus zwei Stufen, Bachelor- und Masterstudium besteht, wobei die erste Stufe 180, die zweite 90 bis 120 Kreditpunkte umfasst. Aus meiner Sicht stellt dieser Artikel kein Problem dar. Logisch lässt sich über Sinn und Unsinn einer solchen Aufteilung philosophieren, wenn darin aber das Problem liegt, gibt es kein Problem.
- Art. 2 Kreditpunkte Wortlaut: Die Universitäten vergeben Kreditpunkte gemäss dem europäischen Kredittransfersystem (ECTS) aufgrund von kontrollierten Studienleistungen. Ein Kreditpunkt entspricht einer Studienleistung, die in 25 bis 30 Arbeitsstunden erbracht werden kann. Diskutabel.
- Art. 3 Zulassung zu den Master-Studiengängen Regelt die Zulassungsbedingung zum Materstudium (i.d.R. Bachelordiplom). Unproblematisch.
- Art. 4 Zulassung zu den Universitäten mit Bachelordiplomen von den Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen Der Inhalt dieses Artikels gefällt mir nicht vorbehaltslos, dürfte aber bei Diskussionen um das Unidasein von geringer Bedeutung sein, weswegen hier nur auf die Richtlinie verwiesen wird.
- Art. 5 Vollzug Wer, was, bis wann. Nichts gross Umwerfendes, Diskussionen dazu dürften auch eher von marginalem Charakter sein.
- Art. 6 Aufsicht Blabla.
- Art. 6a Übergangsbestimmungen zur Gleichwertigkeit von Lizentiat und Masterabschluss Dürfte ok sein.
- Art. 7 Inkrafttreten Weiteres Blabla.
So weit so gut, es gibt also 7 Artikel, die meisten davon sind es nicht wert, viele Worte darüber zu verlieren. Den Hauptstreitpunkt dürfte Artikel 2 und mit ihm die ominösen ETCS-Punkte bilden, wobei davon indirekt auch Artikel 1 betroffen ist – nicht, was die Aufteilung des Studiums betrifft, sondern nur, weil er als Kriterium eine gewisse Anzahl zu erreichender ECTS-Punkte voraussetzt.
Aus meiner Sicht bestehen mögliche Probleme mit der Bologna-Reform also darin, dass Studienleistungen mit ECTS-Punkten gemessen werden und eine gewisse Leistung vorausgesetzt wird, dass ein Studienabschluss erreicht werden kann. Die Reform sagt nicht direkt etwas darüber aus, wie diese Leistungen zu messen sind oder welche Leistungen zu messen sind. Die Leistungsdebatte soll jedoch in einem Folgeartikel behandelt werden, in dem auch die ETCS-Punkte ihre Beachtung finden sollen.
Berichtigungen, Erweiterungen, Meinungen erwünscht!
Vielleicht noch etwas, die Bologna-Deklaration.
Comment by Mirko Stocker - November 13, 2009 @ 8:12 am
Also, ich verstehe die Aufregung auch nicht, bei uns an der HSR hat sich fast nichts geändert mit dem Bachelor, mit der Ausnahme, dass wir auch noch Master machen können. So wie ich verstehe ist einer der grössten Probleme in Deutschland - keine Ahnung wie das in der Schweiz ist - dass es nur beschränkt Platz hat für Master-Studenten, also viele Studenten nun nur noch ein kurzes Studium machen können.
Mit den ECTS-Punkten hab ich eigentlich kein Problem, einige stört die Interpretation, dass man im Durchschnitt 30 Stunden pro ECTS arbeiten soll, es also durchaus in Ordnung sein soll, wenn man mal 40 Stunden braucht unter der Annahme, dass es auch Module gibt die man mit weniger Aufwand schaft.
So, weiter gehts mit ECTS verdienen.
Comment by Fabio Ferrari - November 13, 2009 @ 12:34 pm
Bereits bei der Diskussion des Bologna-Systems und nun auch einige Jahre nach der Einführung bin ich geteilter Meinung. Einerseits erachte ich die Generalisierung der Ausbildungsabschlüsse als positiv und andererseits sehe ich die daraus resultierenden Schwierigkeiten und Probleme. Eines der grössten Probleme finde ich die Tatsache, dass z.B. ein BSc in Computer Science nicht mit einem aus Italien, Österreich, Frankreich oder der Schweiz verglichen werden darf, obwohl dies grundsätzlich die Grundidee dieser Reform war. Nicht einmal ein Bachelor aus St. Gallen, Rapperswil und Winterthur dürfen miteinander verglichen werden, zu gross ist der Synchronisationsaufwand. Die Lehrrichtung wird zwar vorwiegend vereinheitlicht, doch bei der Gestaltung des Inhaltes und der Messung der Lernziele haben die Dozenten grossen, zu grossen Spielraum. Von Hochschulen im Aus- und Inland weiss ich, dass einem zum Teil BSc Diplome richtig nachgeworfen werden.
Weit schlimmer finde ich die Masterausbildung. Grundsätzlich müsste man davon ausgehen, dass jeder den Unterschied zwischen einem MAS und einem MSc kennen sollte, doch dem ist leider nicht so. Ich behaupte hier einfach, dass über 90% der Schweizer Unternehmen die Differenzen nicht kennen und diese auch nicht wahrnehmen wollen. Beispielsweise werden folgende Master in namhaften Gross- und Kleinunternehmen als gleichwertig angeschaut:
–> Master of Science in Business Administration
–> Master of Advanced Studies in Business Administration and Engineering
Hier einige Unterschiede aufgelistet in Bezug auf die Tatsache, dass viele Unternehmen die Unterschiede nicht kennen.
MSc
-> 1.5 Jahre vollzeit
-> kein direkter Lohn (ausser über zusätzliche Arbeiten, Stiftungen, usw)
-> keine Berufserfahrung
MAS
-> 2 Jahre berufsbegleitend
-> keine Lohneinbusse / problemlos mit einem 80% Pensum möglich
-> volle Berufserfahrung
-> Hochachtung da berufsbegleitend
Da stellt sich doch wirklich die Frage, ob man nicht die letztere Ausbildung wählt.
Leave a comment